Bundesfeier 2010, Kurzansprache
Liebe Güttingerinnen und Güttinger, liebe Gäste
Vor vielen vielen Jahren gab es mitten in Europa drei kleine Talschaften. Sie lagen weitab der Zentren, waren weder wirtschaftlich noch kulturell von Bedeutung. Doch die Bewohner jener Gegenden waren trotz ihrer Weltabgeschiedenheit selbstbewusst und clever. Eigentlich hätten sie sich ganz gut selbst verwalten, ihr Zusammenleben selbst organisieren können. Doch so selbständige, eigenständige Leute waren der damaligen Obrigkeiten offenbar ein Dorn im Auge. So entsandten sie selbst in diese abgelegenen Täler ihre Vögte. Diese forderten nicht nur Steuern und Abgaben sondern gaben den Talschaftsbewohnern genau vor wie sie zu leben hatten. Sie zeigten ihnen deutlich wer die wahren Herren waren. Das allerdings behagte wiederum den freiheitsliebenden Urnern, Schwyzern und Untewaldern ganz und gar nicht. Sie beschlossen ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen und die Fremdbestimmung nicht länger zu akzeptieren. Selbstbewusst schlossen sie einen Bund und zeigten die Ernsthaftigkeit ihrer Absicht mit den damals üblichen Mitteln. In den Schlachten bei Morgarten, Sempach und anderswo demonstrierten sie ihren Willen und auch ihre Stärke. Schliesslich konnten sie ihre Unabhängigkeit erringen und behaupten. Die Urschweiz war entstanden.
Nach und nach vergrösserte sich das Bündnis. Doch dann schien es, als ob die Urschweizer vergessen hätten wir ihre Freiheit zustande gekommen ist. Denn zur Schweiz stiessen nicht nur gleichwertige Partner, Bundesgenossen, sondern auch so genannte Untertanengebiete. Gebiete also, die von den Eidgenossen auf die gleiche Weise beherrscht wurden wie sie einst selbst regiert worden waren. Eines dieser Untertanengebiete war der Thurgau. Erst im Jahre 1803 wurde der Thurgau als vollwertiges Mitglied in die Eidgenossenschaft aufgenommen. Seither sind gut zweihundert Jahre vergangen. Und wieder beginnt sich die Geschichte zu wiederholen. Der Thurgau hat es nämlich tatsächlich geschafft sich selbst in wichtigere und weniger wichtige Gebiete einzuteilen. Da gibt es nun kantonale Zentren, regionale Zentren und schliesslich auch noch Zentren im ländlichen Raum. Und, es gibt auch 36 Gemeinden ohne zentrale Funktion und damit ohne eigentliches Recht auf Entwicklung und Selbstbestimmung. Man kann auch sagen 36 Zweitklassgemeinden. Eine dieser zurückgesetzten Gemeinden ist Güttingen.
Diese unselige Einteilung entwickelte sich nicht über Nacht, vielmehr ist sie das Produkt eines langen Prozesses. Am Anfang standen Ängste, etwa die das Land könnte völlig zubetoniert werden. Also setzt man dort an wo es noch viel Grün hat und verordnet den ländlichen Gemeinden einen Entwicklungsstopp. Eine weitere Angst ist die, die Zentren könnten an Dynamik verlieren, damit auch an wirtschaftlicher Kraft und Bedeutung einbüssen. Also sorgt man auch hier dafür, dass die Kräfte gebündelt, alles auf die Zentren hin ausgerichtet wird. Dann tauchte eine weitere Forderung auf, die staatlichen Dienstleistungen, der Service public müsse wirtschaftlichen Kriterien genügen. Damit war klar, Dienstleistungen im dünner besiedelten ländlichen Gebieten zu erbringen lohnte sich nicht mehr. So wurden die Postdienste auf ein Spar- um nicht zu sagen ein Notprogramm zurückgefahren. Gegenwärtig wird darüber nachgedacht, wie man die medizinische Grundversorgung reorganisieren, sprich zentralisieren könnte. Als unwirtschaftlich beurteilte Buslinien werden aufgehoben oder schon gar nicht erst erprobt. Kurzum, Landgemeinden leben heute unter nicht viel anderen Voraussetzungen als zur Zeit der Vögte.
Es gibt wohl nur einen Unterschied. Der allgemeine Wohlstand ist gewachsen, zum Glück auch in den ländlichen Gebieten. Dieser Wohlstand hat ganz klar positive Auswirkungen aber er hat auch negative Begleiterscheinungen. Denn unser Wohlstand kann zur Bequemlichkeit verleiten, im Stil von: Es geht uns doch gut, weshalb sollen wir uns denn um die Beschlüsse von Bund und Kanton kümmern. Klar, wir haben keinen Bäcker, keinen Metzger, eine Post auf Sparflamme, und, wenn die Gesundheitsreform greifen wird, irgendwann auch keinen Arzt mehr. Die Bahn will uns eine Antenne mitten ins Siedlungsgebiet setzen und die Herren von der Raumplanung wollen nicht, dass sich unser Dorf weiter entwickelt. Irgendwann wird das Dorf überaltert, das mit viel Mut und Enthusiasmus gebaute Schulhaus zu gross, vielleicht auch überflüssig, sein. Irgendwann haben wir, weil alles in die Zentren drängt zu wenig Arbeitsplätze, ein darbendes Gewerbe.
Etwas anders ausgedrückt: Der Wohlstand bietet uns die Wahl zwischen bequemem, selbstzufriedenem sich zurücklehnen oder dem Beispiel der Urschweizer folgend, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, auch wenn das anstrengend und unbequem ist.
Die alten Eidgenossen haben gezeigt, dass auch kleine, unscheinbare Volksgruppen eine Chance haben bei den Mächtigen gehört zu werden. Auch als kleine Gemeinde hat man Chancen die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen, wenn man sich entsprechend engagiert. Bei uns steht im Moment die Ortsplanung im Brennpunkt des Interesses. Die öffentliche Auflage hat gezeigt, dass die Vorschläge des Gemeinderates auf grosse Akzeptanz stossen. Die meisten der eigegangenen Einsprachen betrafen die zusätzlich, auf kantonale Weisung hin, geschaffenen Landschaftsschutzgebiete. Gerade diese Einsprachen zeigen, dass der Rat mit seiner ursprünglichen Fassung der Planung die Volksmeinung richtig eingeschätzt hat und darum beispielsweise zurückhaltend mit der Schaffung von Landschaftschutzgebieten gewesen ist. Gerade diese Ortsplanrevision zeigt wie wichtig es ist, dass sich eine Gemeinde für sich selbst für ihre eigenen Bedürfnisse engagiert.
Womöglich muss man auch den gnädigen Herren von Frauenfeld einmal die Frage stellen, ob sie vergessen haben, dass der Thurgau einmal Untertanengebiet war. Man müsste sie einmal fragen wie sie dazu kommen die genau gleiche Ungerechtigkeit wie sie damals gegen den Thurgau angewandt wurde gegen einen Teil ihrer eigenen Gemeinden anzuwenden.
Wie gesagt, man kann diese zweitklassige Behandlung, Wohlstand sei Dank, reaktionslos über sich ergehen lassen oder sich eben an die urschweizerische Tugend, sein Schicksal selbst zu bestimmen erinnern. Nur, wer sich urschweizerisch verhalten will, der muss sich dafür mächtig ins Zeug legen. Dass sich das letztendlich lohnt lehrt uns die Geschichte, lehrt uns die Erfahrung. Bequeme gehen irgendwann unter, überleben werden diejenigen die sich für ihre Freiheit und Selbstbestimmung einsetzen, die sich nicht unterkriegen lassen.
Die Frage ist gestellt was bevorzugt ihr liebe Güttingerinnen und Güttinger? Bequemlichkeit oder engagiertes Handeln. Euer Gemeinderat hat für sich entschieden zu den unbequemen zu gehören, zu denen die ein hohes Mass an Mitbestimmung und damit Demokratie fordern und auch anstreben. Die Gemeinde Güttingen gehört denn auch zu den Gründungsmitgliedern der IG Dörfer und Weiler im Thurgau. Dieser Zusammenschluss der Landgemeinden hat im Grunde genommen die gleichen Ziele wie sie die alten Eidgenossen verfolgten, Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung für alle, das im Rahmen der Verantwortung für die Gemeinschaft. Damit sind wir bei einer weiteren typisch schweizerischen Eigenart, der Konkordanz. In unserem kleinräumigen und vielschichtigen Land kommt man letztlich nur dann voran wenn alle am gleichen Strick und auch in die gleiche Richtung ziehen. Und bis da die Richtung klar und für alle Beteiligten sinnvoll ist, sind häufig engagierte Gespräche erforderlich. Gespräche die nur gelingen wenn man sich gegenseitig mit Respekt und Achtung begegnet.
Der Nationalfeiertag gibt uns die Gelegenheit darüber nachzudenken was denn so typisch schweizerisch ist und was man mit diesen Tugenden, speziell auch für unser Dorf erreichen kann. Ich denke wir sind gut beraten, wenn wir uns engagiert, wie die alten Eidgenossen für unser Güttingen einsetzen. Das aber nicht in Egomanier, im Stil von nur wir allein sind wichtig sondern im Stil von auch wir sind wichtig und wertvoll, auch wir sind erstklassige Eidgenossen. Wir dürfen und sollen selbstbewusst auftreten, ein hohes Mass an Selbstbestimmung fordern, ohne uns aber den Problemen die andere, unsere Nachbargemeinden den Kanton oder auch den Bund betreffen zu verschliessen. Es gilt nicht Lösungen zu finden die nur uns dienen sondern solche die auch uns dienen, die uns nicht benachteiligen.
So wünsche ich uns ein beherztes selbstbewusstes Auftreten, ein lebhaftes Einstehen für die Interessen unserer Gemeinde genau so wie es auch die alten Eidgenossen mit grossem Erfolg getan haben. Denn auch für Güttingen gilt: Gemeinsam sind wir stark, gemeinsam können wir überzeugen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Eugen Staub, Gemeindeammann